„Der grundlegende Unterschied zwischen einer Verfassung und einfachen Gesetzen ist ähnlich dem zwischen Gesetzen im allgemeinen und deren Anwendung auf einen bestimmten Fall durch die Gerichte: So wie der Richter bei der Entscheidung konkreter Fälle an allgemeine Regeln gebunden ist, so ist die Gesetzgebung bei der Aufstellung einzelner Gesetze an die allgemeineren Grundsätze der Verfassung gebunden…
So wie wir verhindern wollen, daß sich der Richter aus einem besonderen Grund über das Gesetz hinwegsetzt, so wollen wir auch verhindern, daß sich die Gesetzgebung um vorübergehender und unmittelbarer Ziele willen über bestimmte allgemeine Prinzipien hinwegsetzt.
Der Grund liegt darin, daß alle Menschen in der Verfolgung unmittelbarer Ziele dazu neigen – oder, wegen der Begrenztheit des Intellekts, tatsächlich gezwungen sind -, Verhaltensregeln zu übertreten, die sie nichtsdestoweniger allgemein befolgt sehen wollen.
Wegen der beschränkten Fähigkeiten unseres Verstandes werden unsere unmittelbaren Ziele immer groß erscheinen, und wir werden geneigt sein, ihnen langfristige Vorteile zu opfern.
Sowohl im persönlichen als auch im sozialen Verhalten können wir daher in den einzelnen Entscheidungen nur dann ein gewisses Maß an Rationalität oder Folgerichtigkeit erreichen, wenn wir uns allgemeinen Grundsätzen fügen, ohne Rücksicht auf augenblickliche Bedürfnisse.
Die Gesetzgebung kann ebensowenig auf die Führung durch Grundsätze verzichten wie jedes andere menschliche Handeln, wenn sie die Wirkungen im Ganzen in Betracht ziehen soll.“
Friedrich A. Hayek, die Verfassung der Freiheit