„Eine der wichtigsten Eigentümlichkeiten der späteren Stadien der kapitalistischen Zivilisation ist die starke Ausdehnung des Erziehungsapparates und namentlich der höheren Bildungsmöglichkeiten. Diese Entwicklung ..wird von der öffentlichen Meinung und den Behörden unterstützt, so daß sie viel weiter geht, als sie es aus eigener Kraft getan hätte… es ergeben sich daraus…mehrere Folgen, die für die Größe und Haltung der intellektuellen Gruppe von Belang sind.

Erstens: insofern als die höhere Bildung derart das Angebot an Dienstleistungen der beruflichen, quasi-beruflichen und letzten Endes aller ‚steifen Kragen‘-Kategorien über den durch Kostenüberlegungen bestimmten Punkt hinaus vermehrt, kann sie einen besonders wichtigen Fall der Teilarbeitslosigkeit schaffen.

Zweitens: im Gefolge oder an Stelle einer solchen Arbeitslosigkeit schafft sie unbefriedigende Arbeitsbedingungen, – Beschäftigung in weniger qualifizierter Arbeit oder zu Gehältern unter dem Verdients eines besser bezahlten Handarbeiters.

Drittens: sie kann eine Nichtverwendbarkeit von Arbeitskräften von einer besonders bedenklichen Art entstehen lassen. Der Mann, der durch eine höhere Schule oder Universität gegangen ist, wird leicht in einer Beschäftigung als Handarbeiter psychisch unverwendbar, ohne daß er die notwendig die Verwendbarkeit einer Fachkraft erwirbt. Sein Versagen hierbei kann entweder durch einen Mangel an natürlicher Anlage – der mit dem Bestehen von akademischen Examen durchaus vereinbar ist – oder durch unzureichenden Unterricht verursacht sein; und beide Fälle werden sich absolut und relativ häufiger ereignen, je größere Zahlen zu einer höheren Bildung detachiert werden, und je mehr der geforderte Unterrichtsumfang zunimmt ohne Rücksicht darauf, wie viele Lehrer und Gelehrte die Natur herzubringen sich entschließt…

Die Fälle, in denen unter einem Dutzend Bewerber für eine Stelle, die alle formell qualifiziert sind, nicht einer ist, der sie befriedigend ausfüllen kann, sind jedem bekannt, der sich je mit Anstellungen zu befassen hatte.“

Joseph Schumpeter (1947, zum Bildungssystem)

 

„All jene, die arbeitslos oder unbefriedigend beschäftigt oder unverwendbar sind, strömen in die Berufe, in denen der Standard am wenigsten bestimmt ist oder in denen Fähigkeiten und Fertigkeiten einer anderen Ordnung zählen. Sie vermehren die Schar der Intellektuellen im eigentlichen Sinne des Wortes, deren Zahl infolgedessen unverhältnismäßig ansteigt. Sie stoßen zu ihnen in einem Geisteszustand äußerster Unzufriedenheit. Unzufriedenheit erzeugt Groll und redet sich oft in jene soziale Kritik hinein, die…unter allen Umständen die typische Haltung des intellektuellen Zuschauers gegenüber Menschen, Klassen und Institutionen namentlich in einer rationalistischen und utilitaristischen Zivilisation ist. Nun, hier haben wir also Zahlen – eine klar umschriebene Gruppensituation von proletarischer Färbung – und ein Gruppeninteresse, das eine Gruppenhaltung formt. Aus dieser läßt sich die Feindseligkeit gegen die kapitalistische Ordnung viel realistischer erklären als aus der Theorie, nach welcher die gerechte Entrüstung des Intellektuellen über das Unrecht des Kapitalismus einfach die logische Folgerung aus empörenden Tatbeständen darstellt…Überdies läßt sich aus unserer Theorie auch die Tatsache erklären, warum diese Feindseligkeit mit jeder neuen Leistung der kapitalistischen Entwicklung zu- anstatt abnimmt.“

Joseph Schumpeter (Befürworter des Sozialismus, zu ‚Intellektuellen‘ und zu den Ursachen der Feindschaft zum Kapitalismus, 1947)

 

„Selbstverständlich ist die Feindseligkeit der intellektuellen Gruppe, – die auf eine moralische Ablehnung der kapitalistischen Ordnung hinausläuft – etwas anderes als die allgemein feindselige Atmosphäre, die die kapitalistische Maschine umgibt. Die letztere ist das eigentlich bedeutungsvolle Phänomen; und sie ist nicht einfach das Produkt der ersten, sondern fließt teilweise aus unabhängigen Quellen…; soweit sie dies tut, bietet sie Rohstoff, den die intellektuelle Gruppe verarbeitet. Es gibt zwischen beiden wechselseitige Beziehungen des Gebens und Nehmens… Die Rolle der intellektuellen Gruppe besteht in erster Linie darin, dieses Rohmaterial zu stimulieren, ihm Energie zu verleihen, es in Worte zu fassen und es zu organisieren, und erst in zweiter Linie, es zu vermehren.“

Joseph Schumpeter (Befürworter des Sozialismus, zu ‚Intellektuellen‘ und zu den Ursachen der Feindschaft zum Kapitalismus, 1947)

 

„Die kapitalistische Entwicklung bringt eine Arbeiterbewegung hervor, die offenbar nicht die Schöpfung der intellektuellen Gruppe ist. Indessen ist es weiter nicht überraschend, daß eine solche Gelegenheit und der intellektuelle Demiurg sich gegenseitig finden. Die Arbeiter verlangten nie nach intellektueller Führung, aber die Intellektuellen drangen in die Politik der Arbeiterparteien ein. Sie konnten einen wichtigen Beitrag leisten: sie verliehen der Bewegung den sprachlichen Ausdruck, sie lieferten ihr Theorien und Schlagworte, der ‚Klassenkampf‘ ist ein ausgezeichnetes Beispiel -, sie gaben ihr ihr Selbstbewußtsein und änderten dadurch ihre Bedeutung. Indem sie diese Aufgabe von ihrem eigenen Standpunkt aus lösten, radikalisierten sie sie naturgemäß und gaben zuletzt selbst den bürgerlichsten Gewerkschaftspraktiken eine revolutionäre Richtung, – eine Richtung, die die meisten nicht-intellektuellen Führer zuerst übel aufnahmen. Es gab jedoch noch einen andern Grund dafür. Ein Arbeiter, der einem Intellektuellen zuhört, empfindet beinahe immer eine unüberschreitbare Kluft, wenn nicht sogar ausgesprochenes Mißtrauen. Um ihn zu fassen und den nicht-intellektuellen Führer zu konkurrenzieren, ist der Intellektuelle zu einem Kurs gezwungen, der für jenen, der sich mit einem Stirnrunzeln begnügen kann, völlig unnötig ist. Da der Intellektuelle keine echte Autorität besitzt und sich immer in Gefahr fühlt, daß man sich ohne weitere Umstände seine Einmischung verbittet, muß er schmeicheln, versprechen und antreiben, linke Flügel und grollende Minoritäten pfleglich behandeln, zweifelhafte oder Grenzfälle akzeptieren, an die Außenseiter appellieren, sich zum Gehorsam bereit erklären, – kurz, sich gegen die Massen so verhalten, wie seine Vorgänger sich zuerst gegen ihre kirchlichen Obern, später gegen Fürsten und andere individuelle Gönner, noch später gegen den kollektiven Herrn bürgerlicher Färbung verhielten. Derart haben die Intellektuellen, obwohl sie die Arbeiterbewegung nicht geschaffen haben, sie doch in eine Form gebracht, die wesentlich von der abweicht, die sie allein gefunden hätte.“

Joseph Schumpeter (Befürworter des Sozialismus, zu ‚Intellektuellen‘ und zu den Ursachen der Feindschaft zum Kapitalismus, 1947)

 

„Die soziale Atmosphäre… erklärt, warum die allgemeine Politik den kapitalistischen Interessen immer feindlicher wird, letzten Endes so sehr, daß sie grundsätzlich ablehnt, die Erfordernisse der kapitalistischen Maschine zu berücksichtigen, und daß sie für ihr Funktionieren zu einem ernsthaften Hindernis wird.“

Joseph Schumpeter (Befürworter des Sozialismus, zu ‚Intellektuellen‘ und zu den Ursachen der Feindschaft zum Kapitalismus, 1947)

 

„Die Tätigkeit der intellektuellen Gruppe steht in einer Beziehung zur antikapitalistischen Politik, die viel unmittelbarer ist, als aus ihrem Anteil an der Wortführung geschlossen werden könnte. Die Intellektuellen werden nur selten Berufspolitiker und erreichen noch seltener eine verantwortliche Stelle. Aber sie bilden die Stäbe politischer Bureaus, schreiben Partei-Flugblätter und – Reden, wirken als Sekretäre und Berater und schaffen den Zeitungsruhm des einzelnen Politikers, – einen Ruf, der zwar nicht alles ist, der aber zu vernachlässigen nur wenige sich leisten können. Dadurch, daß sie dies tun, drücken sie allem, was geschieht, gewissermaßen ihre Mentalität auf.

Ihr tatsächlicher Einfluß variiert stark mit dem Stand des politischen Spiels von bloßer Formulierung bis zur politischen Ermöglichung oder Verunmöglichung einer Maßnahme… Wenn wir sagen, daß einzelne Politiker und Parteien die Exponenten von Klasseninteressen sind, so betonen wir bestenfalls eine Hälfte der Wahrheit. Die andere, ebenso wichtige, wenn nicht wichtigere Hälfte tritt dann hervor, wenn wir beachten, daß die Politik ein Beruf ist, der eigene Interessen entwickelt, – Interessen, die mit den Interessen der Gruppen, die ein Mann oder eine Partei ‚vertritt‘, ebenso gut kollidieren wie übereinstimmen können. Individuelle und Partei-Meinungen reagieren feinfühliger als irgend etwas sonst auf jene Faktoren der politischen Situation, die die Karriere oder die Stellung des Einzelnen oder der Partei unmittelbar berühren. Einige dieser Faktoren werden von der intellektuellen Gruppe in sehr ähnlichem Sinn kontrolliert wie der moralische Kodex einer Epoche, der die Sache einiger Interessengruppen in alle Himmel hebt und die Sache von andern stillschweigend von der Traktandenliste streicht.“

Joseph Schumpeter (Befürworter des Sozialismus, zu ‚Intellektuellen‘ und zu den Ursachen der Feindschaft zum Kapitalismus, 1947)

 

„Es gibt eine unmittelbare Beziehung zwischen der Gruppe der Intellektuellen und der Bürokratie. Die Bürokratien Europas sind vor- und außerkapitalistischen Ursprungs. Wie sehr sie sich auch in ihrer Zusammensetzung im Laufe der Jahrhunderte geändert haben mögen, so haben sie sich doch niemals vollständig mit der Bourgeoisie, ihren Interessen oder ihrer Werteskala identifiziert und haben nie viel anderes in ihr gesehen als einen Aktivposten, der im Interesse des Monarchen oder der Nation zu verwalten war. Sofern sie nicht durch berufliche Schulung und Erfahrung gehemmt sind, sind sie deshalb einer Bekehrung durch den modernen Intellektuellen zugänglich, mit dem sie durch eine ähnliche Erziehung viel Gemeinsames haben, während ein Hauch von Vornehmheit, der in manchen Fällen einst eine Schranke aufgerichtet hatte, beim modernen Beamten während der letzten Jahrzehnte immer mehr verschwunden ist. Überdies müssen in Zeiten rascher Ausdehnung der Sphäre der öffentlichen Verwaltung große Teile des erforderlichen zusätzlichen Personals unmittelbar aus der Gruppe der Intellektuellen bezogen werden.“

Joseph Schumpeter (Befürworter des Sozialismus, zur Bürokratie, ‚Intellektuellen‘ und ihrer Haltung zum Kapitalismus, 1947)